Respektlos, zynisch, unprofessionell.

Bernhard Langs Oper „Montezuma-Fallender Adler“, eine zentrale Musikproduktion für Linz09, Kulturhauptstadt Europas, wurde Ende Juni 08 kurzfristig abgesagt. Wegen des „finanziellen Aufwand(s), der sich aus den Forderungen aller Beteiligten ergibt“, wie die 09-Intendanz lapidar bemerkte. Lang erläutert im freiStil-Interview die wahren Hintergründe der plötzlichen Absage.

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Interview

freiStil: Wie war die Entstehungsgeschichte deiner Oper "Montezuma-Fallender Adler"? Was ist ihr Inhalt, was ihre Form? Und wie hätte die Aufführung am 8. Juli 2009 in Linz verwirklicht werden sollen?

Lang: „2006 übersandte mir Erich Loidl, der Vater des 2001 verstorbenen Dichters Christian Loidl, aus dem Nachlass ein Manuskript mit dem Titel „Montezuma-Fallender Adler“. Mit Loidl verband mich eine jahrzehntelange Freundschaft, wir waren zusammen im Linz in die Schule gegangen und spielten dort in der gleichen Band Knossos Rabol. In den folgenden Jahren arbeiteten wir in zahlreichen Projekten zusammen, unter anderem auch mit dem Klangforum Wien.

Loidl plante schon 1984 ein gemeinsames Opernprojekt, und als ich dann das Manuskript in den Händen hielt, wurde es nahezu eine Mission für mich, am Ort unseres gemeinsamen künstlerischen Beginns eine poetische Hommage an Christian Loidl und die damalige Linzer Szene zu gestalten. Ich wollte dabei auch möglichst viele unserer gemeinsamen Freunde und Wegbegleiter in das Projekt integrieren, wie etwa Peter Leisch und Wolfgang Musil. Das Stück handelt vom Fall des Poeten-Königs Montezuma, der zwischen politischer Realität der Conquista und seinen Visionen zerissen wird, vom Scheitern der dichterischen Weltsicht am brutalen Materialismus, der sich seinernseits religiös und nationalistisch maskiert.

Das inszenatorische Konzept sah eine installative Einbettung in die Architektur des Brucknerhauses vor, eine Art architektonisches Stationendrama, bei dem das Publikum das Brucknerhaus durchwandern, verschiedene Hörperspektiven erleben, selbst an der eigentlichen Klangperspektivik mitgestalten sollte. Das Stück wechselt von kleinen Band-Besetzungen zum großen Orchester und zurück, wobei auch zwei Turntablisten und eine Jazzband zum Einsatz kommen. Ein Chor, der aus dem Publikum singt, spinnt einen roten Faden durch das ganze Stück.“

Wie entwickelte sich das Projekt, und woran ist das Vorhaben aus deiner Sicht letztendlich gescheitert? Welche Rolle spielte dabei die 09-Intendanz, welche ihr Musikbeauftragter Peter Androsch – und welche Wolfgang Winkler, der Chef von LIVA (Linzer Veranstaltungs GmbH) und Brucknerhaus?

„Ich schlug das Projekt mit einer recht genauen Beschreibung des Umfangs und der Besetzung in einer Sitzung 2006 Martin Heller, Ulrich Fuchs (Intendanz Linz09, Anm.d.Red.) und Peter Androsch vor, die zunächst sehr begeistert waren: „So etwas brauchen wir ...“. Androsch leitete meine Vertragserstellung rasch ein, der Abschluss erfolgte am 6. 11. 2006. In weiterer Folge übergab Androsch das Projekt an Wolfgang Winkler. Von da an bewegte sich, trotz unserer dauernden Urgenz, bis Frühjahr 2008 nur wenig. Marie-Therese Rudolph (Winklers Mitarbeiterin, Anm.) vertröstete seit 2007 immer wieder („der Vertrag kommt nächste Woche“), auf unseren dringenden Wunsch konnten wir 2007 erstmals das Brucknerhaus begehen, Winkler hatte damals „keine Zeit“.
Das Klangforum Wien übermittelte die Gagenvorschläge bereits im Frühjahr 2007 an Winkler, doch blieben Nachfragen unbeantwortet, Androsch fühlte sich „nicht mehr zuständig“, man solle sich in allen Fragen an Winkler wenden. Außer losen Anfragen an die Interpreten gab es kein Interesse bzw. irgendeine Kommunikation mit dem Leading Team von Montezuma – bis zum Mai 2008. Winkler addierte jetzt die unverhandelten Rohvorschläge erstmals auf und stellte fest, dass das Projekt zu teuer wäre; laut seinem OÖN-Interview „wollten Androsch und Heller das Projekt jetzt nicht mehr“. Nachdem am 19. Mai 08 das Ganze noch im offiziellen Programmbuch angekündigt und publiziert worden war, erfolgte kurz darauf die Absage.
Ich hatte schon im November 2006 Androsch und Heller zu meiner Oper "I Hate Mozart" nach Wien eingeladen, um ihnen Einblick in die Größe und Budgetierung eines solchen Projekts zu gewähren. Keiner kam. Das Gleiche dann 2007: Ich lud Linz09 zu meiner Opern-Premiere nach Schwetzingen und dann nach Basel ein, arrangierte sogar ein Gespräch mit Regisseur und Intendant Georges Delnon, um eventuelle Koproduktionen zu arrangieren bzw. Einblick in die Budgets zu geben. Wieder bleib man fern. Ich lud auch Rudolph ein, die bereits mit vier Montezuma-Interpreten persönlich sprechen hätte können, jedoch sie nahm auch dies nicht wahr. Auch das von mir eingeleitete Gespräch mit Peter Oswald über seine Graz-2003- Budgetierungen kam niemals zustande. Wenn man heute Peter Oswalds Umgang mit Künstlern und Produktionen im Rahmen der Kulturhauptstadt Graz 2003 mit den Linzer Gegebenheiten vergleicht, so stand in Graz, trotz aller Kontroversen und Probleme, stets ein respektvoller und großzügiger Umgang mit den Künstlern durchgängig im Raum – etwas, das wir in Linz ebenso durchgängig vermisst haben. Vielmehr orteten wir die Absenz von Begeisterung, Vision, Einsatz, Solidariät.“

Bernhard, du hast zusammen mit Michael Sturminger, Johannes Kalitzke und Colin Mason einen Protestbrief an die mediale Öffentlichkeit verfasst, worin du dich gegen die lapidare Aussage der 09-Intendanz verwehrst, „der finanzielle Aufwand, der sich aus den Forderungen aller Beteiligten ergibt“, sei Grund der Absage. Warum war das nötig, obwohl deine Auftragsarbeit ja ordnungsgemäß bezahlt wurde?

„Ich erkläre mich mit den Künstlern solidarisch, die hier ungerechterweise überhöhter Forderungen bezichtigt wurden; in deren geschlossener Aussage heißt es, es wurde mit ihnen niemals konkret verhandelt. Winkler sagt im zitierten Interview selbst, dass Rudolph nicht einmal den Auftrag hatte, zu verhandeln. Das bedeutet jedoch, dass die Absage eben ohne Verhandlungen erfolgt ist.

Androsch vollzog einen Gesinnungswandel, er stand anfangs hinter dem Projekt, distanzierte sich jedoch zunehmend davon. Einer der springenden Punkte ist, dass sich weder Heller noch Androsch noch Winkler jemals ernsthaft um Koproduzenten bemüht hatten. Winkler sagte einmal zu Hartberger (Klangforum Wien, Anm.), Koproduktionen interessierten ihn gar nicht, er hätte ein Konzerthaus zu leiten. Hartberger hatte ihm zuvor eine Liste mit über einem Dutzend möglicher Koproduzenten übergeben.
Eine Koproduktion hätte die Fehlsumme von 200.000 Euro mit Leichtigkeit ersetzen können. All dies kam, trotz meiner dauernden Warnungen, erst wenige Monate vor Probenbeginn ans Licht.

Ich sah die Notwendigkeit, all dies korrektiv an die Öffentlichkeit zu bringen, weil es sich hier um einen bislang nicht dagewesenen zynischen Umgang mit den involvierten KünstlerInnen handelt, die ohne eigene Schuld hier diffamiert wurden und Hellers Absagebegründung fassungslos gegenüberstanden. Eben diesem Umgang muss man entgegenwirken, das darf nicht zur neuen Umgangsform in unserem Metier werden. Ich kann das von meiner Position aus vielleicht leichter sagen, weil ich ja Linz schon längst wieder verlassen habe, auch im mentalen Sinn.“

LIVA/Brucknerhaus-Chef Wolfgang Winkler zeigt sich im Interview mit den Oberösterreichischen Nachrichten verwundert, woher du deine Vorwürfe nimmst. Außerdem sagt er, „das Klangforum wäre natürlich auch zu ersetzen gewesen“. Wie wird diese leidige Geschichte weitergehen? Werden Klagen eingereicht, wird der Protest fortgesetzt?

„Winkler spielt in besagtem Interview quasi den Unschuldigen, jedoch stehen eben seine Aussagen bezüglich der Sammelklage, der er sich anschließen wolle etc. eben von uns protokolliert im Raum. Ich hatte das eben nicht „irgendwo hergeholt“, sondern beziehe mich konkret auf eine Sitzung am 17. Juni in Wien (nicht im Mai, wie Winkler im Interview behauptet) , zu der Winkler selbst erstmals(!) geladen hatte: Dort stellte sich Winkler scheinbar auf unsere Seite, meinte, Androsch und Heller hätten das Projekt von Anfang an zu niedrig budgetiert etc. Anwesend waren Sturminger, Kalitzke, Lang, Musil, Bogner und Hartberger.

Apropos Klangforum: Ich hatte das Klangforum 2006 vorgeschlagen, und es wäre selbstverständlich möglich gewesen, auch mit einem anderen Ensemble zu verhandeln, das Klangforum hat keinen Auftragsmangel und hat für mich andere Großprojekte 2009 blockiert. Doch man ließ die Sache schleifen, machte Zusagen, erwähnte das Klangforum noch namentlich im Programmbuch bei der Veröffentlichung Mai 2008! Und dann die Künstler formlos verabschieden zu wollen, kann in eben jenem fortgeschrittenen Stadium der Produktion nicht folgenlos bleiben.

Zunächst wird der Protest von Künstlerseite fortgesetzt werden. Ich vermute, man wird Heller auffordern, die bereits zugesagten Beträge in Form von Abschlägen auszubezahlen. Das wird zwar Linz09 etwas kosten, aber sicher weniger als ein Prozess, den Heller/Winkler/Androsch nach der derzeitigen Einschätzung mehrerer Anwälte sicher verlieren würden.

Für Linz09 würde das medial nichts Gutes bedeuten, ich persönlich würde einen schnellen Abschluss dieser bösen Sache bevorzugen, da ich bereits in neue Projekten involviert bin. Für mich hätte eine Produktion in Linz in einem dermaßen zynischen und ignoraten Klima ohnehin keinen Spaß mehr bedeutet.“

Gibt es zum jetzigen Zeitpunkt schon Pläne, dass die Oper anderswo aufgeführt wird? Wenn ja, wie und wo?

„Abgesehen von der großartigen Solidarisierung aller Linz09-geschädigten Künstler, welche mich sehr gefreut und bestärkt hat, kam die nächste positive Überraschung in der Form von mittlerweile drei Anfragen, zwei aus dem Inland, eine aus dem Ausland. Verhandlungstechnisch begründet, werde ich das natürlich erst publik machen, wenn es tatsächlich zu einer Aufführung kommen sollte.“