Linz0nein

(Jänner 09) Pünktlich zum Start des Kulturhauptstadtjahres wird von „Linz0nein“ das alternative „Programmbuch 4/3“ herausgegeben: Inhalt werden all jene von Linz09 abgelehnten oder zurückgezogene Projektideen sein, deren AutorInnen der Überzeugung sind, dass sie unbedingt veröffentlicht werden sollten. Die ProgrammbuchmacherInnen Robert Hinterleitner und Belinda Hofer im Interview.

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Interview

„Längst haben wir gelernt, dass nicht jede abgelehnte Idee schlecht und nicht jede realisierte Idee neu ist“ – das zu verdeutlichen, war unter anderem Ansatz des Projekts Programmbuch 4/3. Hat sich das alternative Potential für euch bestätigt oder auch differenziert?

Das Spannende an der heutigen Praxis von Kunst- und Kulturproduktion ist ja, dass Vorhandenes oder bereits Dagewesenes oft nur konsumistisch aufgeladen wird. Das Sampeln und Remixen ist die eigentliche Kulturpraxis, die nicht mehr nur KünstlerInnen oder so genannten KulturproduzentInnen vorbehalten ist. Das Problem, das dabei auftritt ist, dass so etwas wie Urheberschaft und Copyright, auf das viele bestehen wollen, in diesem Zusammenhang problematisch ist und immer war.
Gerade der Intendant von Linz09 beherrscht diese Praxis des Sampelns und Remixens, ebenso wie die der massentauglichen Aufbereitung. Zu den Gewinnern zählen ¬– wenn man so will – oft jene, die gelernt haben zu erkennen, was der Markt, ein Festival, eine AuftraggeberIn will. Ob aber so eine künstlich ins Leben gerufene Kulturmission tatsächlich auch Kultur, Kulturpolitik und die BewohnerInnen einer Stadt verändert oder positiv beeinflussen kann, wagen wir zu bezweifeln.
Wirft man jedenfalls einen Blick auf die bei Linz09 eingereichten Projekte, fällt auf, dass sich die Ideen oberflächlich gesehen kaum voneinander unterscheiden; nur, dass manche im Linz09-Programm sind und manche eben nicht.

Ich nehme an, dass ihr nicht die tausenden Einreichungen aller bei 09 abgelehnten Projekte gehabt habt. In gewisser Weise war euer Programmbuch sogar eine neuerliche Auslese. Wie stellt sie sich dar? Gibt es einen inhaltlich/qualitativen Zusammenhang der bei euch eingegangenen Projekte?

Nein. Wir haben nur einen Teil zu sehen bekommen. Auch, weil die Weitergabe der Adressen von EinreicherInnen selbstverständlich datenschutzrechtlich nicht möglich ist.
Neben unseren eigenen Kanälen haben wir auch versucht die ProjektentwicklerInnen von Linz09 für die Verbreitung unseres Aufrufs zur Einreichung zu gewinnen. Einzige Antwort, die gekommen ist, war ein Dankesbrief des Intendanten (ihn haben wir übringens nicht angeschrieben), dass unser Projekt wohlwollend aufgenommen worden ist und ein Geschenk beiliege: ein Katalog, der alle abgelehnten Projekte der von Heller künstlerisch geleiteten Expo 02 archiviert. Ergänzt um den Vorschlag, sich daran ein gutes Beispiel zu nehmen.
Übrigens gibt es immer noch zahlreiche Anfragen, abgelehnte Projekte für unser Programmbuch einzureichen, die wir leider nicht mehr berücksichtigen können. Es zeigt bloß, dass auch so ein Prozess über einen langen Zeitraum gehen muss.
Und. Eine Auswahl des Abgelehnten hat es bei uns ganz bewusst nicht gegeben: jede Einreichung erscheint in der Reihenfolge ihres Uploads auf unserer Homepage; diese Vorgehensweise geht bis ins kleinste Detail: die Texte werden exakt übernommen, auch Rechtschreibfehler. Das einzige, zugegebener Maßen, niederschwellige Kriterium, das wir vorgegeben haben, war, dass die EinreicherInnen überzeugt sein sollten, dass ihre Idee publikationswürdig wäre.

Wie sieht es mit den vermuteten oder echten Kontexten der Absagen aus – was wird daraus ersichtlich?

Als Ergänzung zu den Projekttexten unseres Programmbuchs haben wir die EinreicherInnen aufgefordert zu kommentieren, aus welchem Grund sie (ganz persönlich) meinen, abgelehnt worden zu sein. Das wurde in zahlreichen Fällen wahrgenommen und lässt interessante Schlüsse zu, die die LeserInnen des Programmbuch 4/3 ziehen sollen.
Unsere ganz persönliche Ansicht ist, dass darin gerade auf jene Motive des Entscheidungsprozesses von Linz09 Bezug genommen wird, die in den Kommentaren unserer GastautorInnen im Programmbuch thematisiert werden; und das sind nicht die gebetsmühlenartig wiederholten Kriterien, die wir von Linz09 zu hören bekommen: wie Professionalität, Internationalität oder Nachhaltigkeit.

Das Programmbuch ist nicht das einzige Projekt von Linz0nein. Wenn ich das richtig verstanden habe, gibt es auch den „Buffettplünderblog“ oder den „Linz0nein-Scheiterhaufen“. Klingt nach abfeiern und untergehen?

Auf den ersten Blick: ja. Aber da bewegen wir uns ja innerhalb der von Linz09 „vorgegebenen“ Direktive, leicht Konsumierbares mit Eventcharakter zu realisieren. Auf den zweiten Blick: nein. Der Buffetplünderblog soll beispielsweise für erfreuliche Besucherquoten bei Linz09-Events sorgen. Dabei geht es um die Frage, wer zu dem Publikum von Linz 09 zählen kann, darf und soll? Wir denken zum Beispiel an die Verteilung eines Menüplans an Notschlafstellen oder Treffpunkten von Obdachlosen. Der Linz0nein-Scheiterhaufen soll Platz für Ideen und viele schöne Events im Kulturhauptstadtjahr sorgen, indem KünstlerInnen das machen, was sie ohnehin immer tun: ihre Werke eigenhändig und noch dazu freiwillig zu entsorgen, anstatt sie vom „Kunstsystem“ unbeachtet auch weiterhin verstauben und Platz verstellen zu lassen.

Linz0nein setzt sich aus dir Robert, vom Kulturverein zweitausendSechs, und Belinda Hofer zusammen. Wer ist Belinda Hofer?

Es ist nicht wirklich erheblich für unser Vorhaben, wer Belinda Hofer ist. Jedenfalls eine auf Ihre Privatsphäre bedachte Person. Jede/r, der wissen will, wer Belinda Hofer ist, soll doch Google fragen. Jeder, der Belinda Hofer erreichen will, kann das über unsere email-Adresse: contact@linz0nein.org.

Mehr Informationen: www.linz0nein.org
Präsentation des Programmbuches 4/3 ist Ende Jänner, bzw. Anfang Februar.