Uminterpretationen

Linz 09 interpretiert den Advent um: Nicht mehr 24 Türchen gibt es am Adventkalender zu öffnen, sondern – Tradition hin oder her – 31 Türchen stehen zur Verfügung: Linz09 hat ja genügend zum Herzeigen.
von Andrea Mayer-Edoloeyi, erschienen in KUPFzeitung 128/08

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Die Vorfreude soll nicht mehr einen traditionellen christlichen Fest gelten, sondern dem Faktum, dass Linz 2009 Kulturhauptstadt Europas sein wird. Weihnachten ist sowieso mehrheitlich ein Kommerzspektakel - die Zeit der besten Umsätze für den Handel - also macht es auch nichts, wenn dieses Jahr ein bisserl verlängert wird zugunsten der “guten Sache”. Die “gute Sache” ist hier also nicht mehr die Menschwerdung Gottes und (für alle, die das glauben) die damit verbundene performative Zusage eines guten Lebens für alle, sondern Kultur à la Linz 09 als neue Heilsverheißung. Zugesagt wird uns Linz als Standort (“Geht´s der Wirtschaft gut, geht’s den Menschen gut” und wer´s glaubt wird selig), die Kultur als Beschäftigungsfeld der Zukunft (Santa Precaria, schau oba!) und für alle, die doch noch etwas anderes arbeiten oder die gerade keine Erwerbsarbeit haben, ein Unterhaltungsfeuerwerk der Extraklasse, das sich sogar mittels “Tatort” bis ins eigene Wohnzimmer fortsetzt. Wer ganz nah am Allerheiligsten von Linz 09 dran sein will, kann sich übrigens sogar als Freiwillige/r melden!

Darüber darf aber jetzt nicht geschimpft und rumgemotzt werden – denn Kultur ist ja gut und da kann ja niemand dagegen sein. Und Martin Heller hat ja sowieso immer den Dialog angeboten – auch wenn Linz 09 mehr als Werbemaschinerie denn als Kommunikationsdrehscheibe funktioniert. Die Botschaften sind längst platziert – und die, die dagegen sind, haben es nur noch nicht verstanden: Der Markt verspricht das Heil der Zukunft und wenn Du nur wirklich willst, kannst Du alles erreichen: von Tellerwäscher zum Millionär – und wenn Du dann als Fondsmanager mal ein paar Millionen verzockst, hilft Dir der Staat mit Steuergeldern weiter und niemand wird Dir den Besuch der Luxusmesse verübeln [scheiße, eine Luxusmesse wäre ja eine gute 09-Projektidee gewesen, die hätten sie vielleicht gewollt]. Kultur behübscht diese Szenerie und deckt deren Brüche zu – schon wieder größtenteils finanziert mit den Steuergeldern aller, also Umverteilung von unten nach oben.

Ich müsste sofort aufhören, mich für Kunst und Kultur zu engagieren, wenn es nur diesen Blickwinkel gäbe. Ich weiß allerdings auch, dass es viele Kulturinitiativen, viele KünstlerInnen gibt, die ihre Arbeit als Beitrag zu einer demokratischen, solidarischen und emanzipatorischen Gesellschaft verstehen. Da ist Kultur dann wirklich eine “gute Sache” - denn da dürfen wir nicht nur vorgefüllte, neoliberal gemainstreamte Adventkalendertürchen öffnen, sondern können selbst gestalten, was da drin ist – oder den Adventkalender mit dem Kommerzrummel einfach in den Mistkübel werfen.
Da ich darum weiß, bin ich mir sicher: Es gibt ein Leben nach Linz 09.