Mutig in die neuen Zeiten
Versorgerin #80, Dezember 08
Heller brachte uns den Neoliberalismus. Meint Andreas Wahl.
„Mit Heller / werden wir zum Bestseller“ hat der Linzer Kulturstadtrat Erich Watzl in seiner Abteilung dichten lassen. Der Öffentlichkeit vorgestellt hat er diesen Zweizeiler bei der Präsentation des Programmbuches für das Kulturhauptstadtjahr 09. Eigentlich wollte er dieses Kleinod der heimischen Dichtkunst dem Theater Phönix entgegenschleudern, das seit 20. November das Stück „Der Zwerg ruft“ von Kurt Palm gibt. Die darin auftretende Figur des „Kulturmanagers Dunkler“ trägt nämlich ein T-Shirt mit der Aufschrift „Watzl is my Schatzl“. Wohl unbewusst hat Watzl aber mit dem Slogan „Mit Heller werden wir zum Bestseller“ den Auftrag der Stadt Linz an das Team der Kulturhauptstadt auf die bisher kürzeste Formel gebracht: Verkaufen Sie uns!
Verraten und verkauft wurde aber auch eine der Grundintentionen des Kulturhauptstadt-Engagements der Stadt Linz. Als vor Jahren diskutiert wurde, ob sich Linz darum bemühen sollte, Europäische Kulturhauptstadt zu werden, hoffte einer der „Hauptväter“ dieses Projektes, Kulturdirektor Siegbert Janko, damit den Stellenwert von Kultur und Kunst in der Stadt heben zu können, um so auch die lokalen Kunst- und Kulturschaffenden besser abzusichern. Diese Absicht des Kulturdirektors hat sich aber für viele Kunst- und Kulturschaffende ins Gegenteil verkehrt. Das Team um Intendant Martin Heller trat der heimischen Kulturszene mit der Präpotenz des kolonialen Eroberers gegenüber, dessen Interesse es vor allem ist, Bodenschätze aufzuspüren und diese kostengünstig und effizient auszubeuten. Seither durchweht die heimische Kulturszene der Hauch des Neoliberalismus. Einige konnten mit wirklich gut bezahlten Jobs bei 09 einsteigen, für viele bedeutet eine Zusammenarbeit mit dem Kulturhauptstadt-Management aber einen Grad an Präkarisierung, wie sie ihn bisher kaum gekannt hatten. In den letzten Monaten waren sie überall zu hören, wo mehr als zwei Kultur-ArbeiterInnen zusammen standen, die Gräuelgeschichten über das 09-Management. Verträge, die nicht und nicht unterzeichnet werden, Theatergruppen, von denen man verlangt, dass sie vom Techniker bis zum Klo- und Garderobenmenschen alle Personalkosten tragen, ja selbst Gewinnbeteiligungsgelüste von Seiten des Managements, wenn im Rahmen eines Projektes ein Ausschank betrieben wird. Diesem Ausmaß an Kannibalismus stehen weite Teile der Kunst- und Kulturszene fassungslos gegenüber. Bisher hatte man es mit einer stark sozialdemokratisch geprägten Kulturpolitik zu tun, der primär am Bestand einer Kunst- und Kulturszene lag, und die vor allem eines wollte: Ruhe und ein gewisses Maß an allgemeiner Zufriedenheit.
Von Methoden, wie sie das Linz-09-Management anwendet, – Risikoabwälzung auf die Zulieferer und Ausreizung der Flexibilität bis zum Zerreißen - hatte man zwar schon gehört, und eigentlich nahm man an, selbst schon geraume Zeit im Neoliberalismus zu leben, doch erst mit 09 ist der Neoliberalismus auch in der Linzer Kunst- und Kulturszene angekommen. Vielleicht meinte Kulturstadtrat Watzl diese Einführung neuer Methoden in die lokale Kunst und Kultur, wenn er bei der oben bereits angesprochenen Pressekonferenz feststellte, dass mit dem Kulturhauptstadtprojekt ein Qualitätssprung geschafft wurde. Er könnte aber auch den erzieherischen Effekt gemeint haben, der sich sicherlich demnächst einstellen wird. Durch das Agieren von Heller&Co konnte vor allem der „Freien Szene“ klar gemacht werden, dass sie sich bisher in einem geschützten Bereich bewegte. Aber nicht nur der „Freien Szene“ hat man diese Lektion in Neoliberalismus ins Stammbuch geschrieben, sondern auch so anerkannten Institutionen wie der Linzer Kunst-Uni. Was die Kulturpolitik der Stadt aus dieser erzieherischen Maßnahme – die ihr sicherlich mehr in den Schoss gefallen ist, als dass sie bewusst herbeigeführt wurde – macht, bleibt abzuwarten. Vielleicht verlangt sie in den kommenden Jahren einfach ein bisschen mehr Dankbarkeit von den SubventionsempfängerInnen, oder ein höheres Maß an Marktförmigkeit. Es könnte aber auch sein, dass das Kulturhauptstadtjahr in Linz das Ende der sozialdemokratisch geprägten Kulturpolitik markiert. Dass etwa hinkünftig nicht mehr in das Biotop „Freie Szene“ investiert wird, sondern nur noch in Output, mit dem es sich auch repräsentieren lässt.
Natürlich ist an Heller und seinen Methoden viel auszusetzen, und vieles hätte er besser machen können, aber sein Auftrag (und wohl auch sein Selbstverständnis) ähneln zu sehr den Aufträgen, wie sie an neoliberale „Sanierer“ gestellt werden: Innert kurzer Zeit ein Maximum an Profit heraus zu holen (was in diesem Fall die Akkumulation symbolischen Kapitals bedeutet). Dass so ein Auftrag nicht ohne Flurschäden abgehen kann, liegt in der Natur der Sache. Ob die städtische Kulturpolitik diese Schäden repariert oder die Chance nützt, eine neue kulturpolitische Landschaft zu gestalten, bleibt abzuwarten.
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